Dienstag, 26. Dezember 2017

|Rezension| Angela Kirchner - Viel näher als zu nah

Angela Kirchner | Dressler Verlag | Hardcover | 16,99€ | September 2017 | 978-3-7915-0057-7 | ♥♥♥♥

- Ich spüre den Aufprall in meinem Rücken, meinem Kopf, meinen Beinen. 
Die letzen Meter schlittere ich auf den Asphalt entlang. Als erst mein Motorrad und danach ich in den Wagen einschlagen, zersplittert die Welt.  - S. 36


Am Anfang war der Knall. Es ist diese Nacht, diese Party, die alles verändert im Leben von Fey und Lucas. Fey und ihre Freundin wollen eigentlich nur nach Hause und geraten mitten rein in das Motorradrennen von Lucas und Ben, mitten rein in den Unfall. Mitten rein in ein neues Leben. Und dann treffen Fey und Lucas sich wieder. Obwohl sie sich hassen sollten, sprüht es Funken, und nicht nur vor Wut!

Partys und das Aufreißen von Mädchen gehören zu den größten Hobbys des Hauptprotagonisten Lucas. Mit seinem besten Freund Ben sind die beiden Jungs die Draufgänger in ihrer Stadt und genießen das Teenagerleben in vollen Zügen. Auf einer Party lernt Lucas Fey kennen, ein witziges und sehr sympathisches Mädchen mit einer Vorlieben für ausgefallene Haarfarben. Auf beiden Seiten knistert es und für Lucas ist es ganz ungewohnt, dass er seit der Begegnung keinen anderen Gedanken mehr fassen kann. In seinem Hochmut überredet er seinen Freund Ben, ein spontanes Motorradrennen zu starten: Ein großer Fehler, denn kein anderer als Fey und ihre beste Freundin sitzen im Auto, das in den schweren Unfall verwickelt wird.

Lucas ist zu Beginn ein schwieriger Charakter. Er schätzt das Leben der anderen Menschen nicht und weist jede Verantwortung des Lebens von sich ab. Über Reue und die Konsequenzen seines Handeln verliert er keinen einzigen Gedanken. Meine ersten Gefühle ihm gegenüber als Leser waren: Hass, Verachtung und Verständnislosigkeit. Als Leser muss man ihn einfach unsympathisch finden. Doch als ihm schonungslos vor Augen gezeigt wird, was er mit seinem jugendlichen Leichtsinn ausgelöst hat, wird ihm bewusst, dass er einen Fehler begangen hat - einen schweren Fehler. Als Leser bekommen wir mit, wie Lucas daraufhin eine starke Charakterentwicklung vollzieht, da er merkt, dass er mit seiner draufgängerischen Art und seiner jetzigen Einstellung nicht mehr wie gewohnt durch das Leben stolzieren kann. Kann er über seinen eigenen Schatten springen und sich seinen Konsequenzen stellen?

Feys Charakter ist einfach eine Wucht! Durch die Perspektive von Fey erleben wir als Leser noch die Sicht "des Unfallopfers". Natürlich verspürt sie Lucas gegenüber einen tiefverwurzelten Hass, den ich auch voll und ganz nachvollziehen kann, aber nach und nach, und das ist sehr spannend zu erleben, stürzen ihre Schutzwände, die sie sich nach dem Unfall aufgebaut hat, ein. Fey ist nicht nur das Mädchen mit den bunten Haaren, sondern Fey, die außerhalb des Unfalls eine Geschichte zu erzählen hat. Ich mochte die aufgeweckte Fey auf Anhieb und da die Geschichte hauptsächlich aus der Sicht von Lucas geschrieben ist und Fey nur wenige Perspektivenwechsel einnimmt, hat mich das traurig gestimmt. Ich hätte mir mehr von Feys Sicht gewünscht.

Was dieses Buch von den anderen Büchern abheben lässt, ist dass die Gefühls- und Gedankenwelt der beiden Hauptprotagonisten eine enorme Stellung in diesem Buch einnehmen. Handlungen, die das Buch ins Rollen bringen, gibt es wenige - was mich ein wenig gestört und irritiert hat. Die Autorin konzentriert sich eher auf Dialoge und die Innenwelt der Charaktere und genau das finde ich so berührend an diesem Buch, denn als Leser fragt man sich dadurch andauernd, wie man sich an Feys Stelle verhalten würde? Würde ich Lucas bis aufs Blut hassen, oder auch Gefühle für ihn entwickeln? Das Thema "Unfall und Liebe" in Verbindung zu stellen, ist eben Kopfsache. Angela Kirchners Schreibstil passt hier einfach super, denn sie kann mit wenigen Worten, präzise beschreiben, wie ihre verwirrte und auf den Kopf gestellte Gedankenwelt nach dem Unfall wirklich aussieht. Durch ihren Schreibstil konnte ich mich vollends in Lucas und Fey hineinversetzen und vor allem den psychischen und physischen Schmerz, den der Unfall verursacht, spüren.

Ich gebe dem Roman "Viel näher als zu nah" 4/5 Herzen. "Viel näher als zu nah" erzählt eine einfühlsame und zarte Liebesgeschichte mit einem ungewöhnlichen ernsten Hintergrund. Die Hauptprotagonisten durchleben nach dem schweren Unfall eine emotionale Achterbahn und die Autorin ist ein Ass darin, deren Gefühls- und Gedankenwelt dem Leser zu übermitteln. Ich muss leider einen einzigen Punkt in der Bewertung abziehen, weil das Ende für mich zu plötzlich kam, ich mir öfter die Geschichte aus der Sicht von Fey gewünscht habe und es mir mehr an Handlung fehlt. Trotz alledem hat mich das Buch sehr berührt und ich bin mir sicher, dass die Story noch nach Jahren in Erinnerung bleiben wird. 

Story ♥♥♥♥/5
Charaktere ♥♥♥/5 
Gefühle ♥♥/5
Spannung ♥♥♥/5
Schreibstil ♥♥♥♥/5 
Ende ♥♥♥/5



Vielen Dank für das Rezensionsexemplar Dressler Verlag.
Rezensionsexemplare beeinflussen nicht meine subjektive Meinung.