Dienstag, 19. Dezember 2017

|Rezension| Philip Pullman - His Dark Materials 0 - Über den wilden Fluss

Philip Pullman | Carlsen Verlag | Gebundenes Buch | 560 Seiten | 24,00€ | 17.11.2017 | 978-3-551-58393-2


- "Das Recht, frei zu reden und zu denken, auf jedem beliebigen Gebiet Forschung zu betreiben – 
all das würde zerstört werden. Dafür zu kämpfen lohnt sich doch, meinen Sie nicht auch?" - S.260



Der 11-jährige Malcolm lebt mit seinen Eltern und seinem Dæmon Asta in Oxford und geht in dem Kloster auf der anderen Seite der Themse aus und ein. Als die Nonnen ein Baby aufnehmen, von dem keiner wissen darf, ist es mit der Ruhe in dem alten Gemäuer vorbei. Auch Malcolm schließt das kleine Wesen, das in großer Gefahr zu sein scheint, sofort in sein Herz und setzt alles daran, es zu schützen. Es heißt: Lyra Belacqua. - carlsen.de


"Über den wilden Fluss - His Dark Materials 0" gehört zu der Reihe "Der goldene Kompass" und erzählt die Vorgeschichte von Lyra Belacqua und ihre Abenteuer. Ich habe mich riesig darüber gefreut, dass Philip Pullmann an seiner berühmten Reihe weiterschreibt und  konnte es kaum erwarten, nach so vielen Jahren wieder in Lyras magische Welt abzutauchen. Die Reihe hat in meinem Leben einen sehr hohen emotionalen Stellenwert, denn die Trilogie war in meiner Jugendzeit "der Dominostein" für meiner Bücherliebe. Meine Erwartungen waren vor dem Lesen dementsprechend hoch!

Der Einstieg des Romans ist angenehm und atmosphärisch. Schnell lernen wir Malcom kennen, ein sympathischer und wissbegieriger Junge, der mit seinen Eltern ein kleines Gasthaus führt. Ein neugieriger, kluger und hilfsbereiter Junge, der sich in Oxford nichts sehnlicher wünscht, als ein spannendes Abenteuer mit seinem geliebten Kanu La Belle Sauvage. Ich habe den kleinen Hauptprotagonisten mit seinem Daemon Asta gleich zu Beginn ins Herz geschlossen. Die beiden muss man einfach lieben! Nach bestimmt sechs Jahren hatte ich natürlich befürchtet, dass ich mich nur noch an Bruchstücke aus "Der goldene Kompass" erinnern könnte. In meinem Kopf schwirrten Begriffe wie "Staub, Alethiometer, Panzerbären, Daemonen, Hexen". Doch mit Malcom fangen wir wirklich wieder von Null an und alle Begriffe werden nach und nach eingeführt. 

In Oxford geschehen merkwürdige Dinge. Da Malcom eben ein sehr aufgeschlossener und neugieriger Junge ist, gerät er zwischen die Fronten von feindlichen politischen Gruppierungen, wird in deren Geheimnissen hineingezogen und begibt damit in großer Gefahr. Zudem wird gleichzeitig ein Baby mit einem besonderen von Hexen vorhergesagten Schicksal in das benachbarte Kloster aufgenommen und beschützt. Als Malcom die kleine Lyra mit ihrem Daemon Pantalaimon sieht, ist er sofort Feuer und Flamme: Er möchte sich um das kleine Wesen kümmern und entwickelt starke Beschützerinstinkte. Die Atmosphäre in Oxford wird von Kapitel zu Kapitel immer düsterer, bedrückender und gefährlicher, bis die Lage in Oxford völlig eskaliert. Malcoms Leben wird sich schlagartig verändern, nur Lyra muss in Sicherheit gebracht werden! Das Abenteuer muss Malcom jedoch nicht allein bewältigen. Alice, ein junges Mädchen, das ebenso im Gasthaus seiner Eltern aushilft, unterstützt in tatkräftig dabei. Der Beginn einer tiefen Freundschaft. Beide werden im Kampf gegen das Böse an ihre Grenzen kommen! Es wird spannend, mysteriös, mystisch, kurios und unheimlich gefährlich!

Bis auf Malcom und Alice haben mich die übrigen Charaktere ein wenig enttäuscht, da sie nur platt aufgetreten sind. Es war natürlich klar, dass unsere Lyra als Baby keine besondere Handlung übernimmt und eher auf das Abenteuer mitgenommen wird und rund um die Uhr gepflegt werden muss. Über Lyras Eltern, auf die ich so gespannt war, habe ich auch nicht viel erfahren. Diese sind in wenigen Kapiteln zwar präsent, aber ihre Figur wird einfach nur oberflächlich behandelt. Beide Elternteile sind sehr zurückhaltend und mysteriös. War das schon alles? Hoffentlich nicht!

"Über den wilden Fluss" lässt sich schnell und flüssig lesen. Die angespannte Atmosphäre hat Philip Pullman mit seinem Schreibstil einfach klasse übertragen! Das Buch konnte ich in wenigen Tagen beenden. Ungefähr in der Mitte des Buches hatte ich jedoch eine fiese Leseflaute, da sich die Handlung gefühlt ewig in die Länge zieht und einfach nicht in Fahrt kommt. Man weiß, jetzt beginnt bald das Abenteuer, aber es tritt einfach nicht ein. Der Ball kommt einfach nicht zum Rollen. Es gibt auch ein paar Situationen und Dialoge, die wurden 3-4x wiederholt. Das Tempo wird aber ab DER Schlüsselszene wieder enorm angezogen.

Wer ein großer Fan von "Der goldene Kompass" ist und auf Parallelwelten, magische Wesen wie Riesen und Hexen hofft, wird in diesem Band nicht enttäuscht. Wer aber ein langes und durchtriebenes Abenteuer wie bei Will und Lyra erwartet, der muss sich auf jeden Fall noch gedulden. "Über den wilden Fluss" bietet eher eine Grundlage für ein solches RIESIGES Abenteuer!


Ich gebe "Über den wilden Fluss" 3,5/5 Herzen. Meine Erwartungen waren einfach zu hoch und ich habe die Vorgeschichte zu stark mit "Der goldene Kompass" und den Folgebänden verglichen. "Über den wilden Fluss" bietet zwar alles, was ein spannender und fantasievoller Abenteuerroman auszeichnet, aber zwischenzeitlich hat sich die Handlung, vor allem in der Mitte des Buches, in die Länge gezogen. Das Ende ist einfach grandios, deshalb muss in die Reihe einfach weiterverfolgen! Für mich hat das Abenteuer mit Alice und Malcom erst gerade begonnen!

Story ♥♥♥/5
Charaktere ♥♥♥/5 
Gefühle ♥♥/5
Spannung ♥♥♥♥/5
Schreibstil ♥♥♥/5 
Ende ♥♥♥♥/5



Vielen Dank für das Rezensionsexemplar Carlsen Verlag.
Rezensionsexemplare beeinflussen nicht meine subjektive Meinung.